Vom Lehrwerk zur Lernaufgabe: Schulinterne Curricula neu denken
Warum die meisten schulinternen Arbeitspläne im Fremdsprachenunterricht ihr eigenes Kerncurriculum ignorieren, und was ein frei zugängliches Planungstool daran ändern kann
Im vergangenen August habe ich in einem Beitrag zum Upcycling von Lernaufgaben dargestellt, wie sich Lehrwerksaufgaben so modifizieren lassen, dass sie einen echten kommunikativen Sinn erhalten und nicht bloß als verkleidete Grammatikübungen fungieren. Der Grundgedanke war, das Lehrwerk nicht als Korsett, sondern als Steinbruch zu begreifen, aus dem man gezielt das entnimmt, was für die Kompetenzentwicklung der Lernenden tatsächlich brauchbar ist. Bereits damals wurde deutlich, dass diese Herangehensweise zwar didaktisch sinnvoll, im Alltag aber mit erheblichem Planungsaufwand verbunden ist, weshalb sie im schulischen Regelbetrieb eher die Ausnahme als die Regel darstellt.
Letzte Woche nun fiel in einem Gespräch über schulinterne Curricula ein Satz, der in seiner Beiläufigkeit sehr aufschlussreich war: „Bei uns im schulinternen Arbeitsplan steht eigentlich nur drin, welche Buchseite man wann macht." Und tatsächlich dürfte diese Beschreibung auf die Mehrheit der schulinternen Arbeitspläne im Fremdsprachenunterricht zutreffen: eine tabellarische Zuordnung von Lehrwerkseinheiten zu Unterrichtswochen, mitunter ergänzt um Vokabel- und Grammatiktestschwerpunkte. Bei Licht betrachtet also keine curriculare Planung im Sinne des Kerncurriculums, sondern eine Inhaltsangabe des Lehrwerks mit Testkalender. Und da kam die Frage auf, ob es nicht irgendwie vereinbar sein müsste, curriculare Vorgaben, fachdidaktische Erkenntnisse und den schulischen Alltag unter einen Hut zu bringen, ohne permanent Abstriche bei der Qualität und Weiterentwicklung des Unterrichts machen zu müssen.
Dabei bewegen wir uns hier keineswegs im Bereich bahnbrechender Neuerungen. Das Kerncurriculum Englisch für das Gymnasium, das mittlerweile über zehn Jahre alt ist (2015), fordert bereits, dass Aufgaben ‚den Prinzipien des aufgabenorientierten Lernens (task-based language learning) entsprechen' (S. 10) und dass schriftliche Lernkontrollen ‚ausschließlich die kommunikativen Teilkompetenzen' überprüfen sollen, wobei sprachliche Mittel ‚grundsätzlich dienende Funktion' haben (S. 7)". Rod Ellis' grundlegendes Werk zum Task-Based Language Teaching ist von 2003, Paul Nations Four Strands wurden auch vor knapp 20 Jahren publiziert. Die fachdidaktische Forschungslage ist also seit mehr als zwei Jahrzehnten eindeutig; das Kerncurriculum Spanisch (2024), das ebenfalls die aufgabenorientierte Gestaltung des Unterrichts als durchgängiges Prinzip fordert, überführt eben jene Erkenntnisse lediglich in aktualisierte curriculare Vorgaben, fordert aber gleichzeitig explizit, dass über das Lehrwerk hinaus gearbeitet werden muss.
Weshalb sieht die Praxis dennoch anders aus? Die Ursachen sind systemisch, und es wäre zu kurz gegriffen, sie individuellen Lehrkräften anzulasten. Kritisch muss man folgende Probleme anmerken: Es gibt keinen gebündelten Informationskanal, der curriculare Vorgaben regelmäßig, verständlich und praxisnah aufbereitet; die Ausbildung im Referendariat thematisiert Curriculumsentwicklung häufig nur am Rande, systematische Fortbildungen dazu sind rar; und Unterricht ist bei weitem nicht mehr das Kerngeschäft des Lehrerberufs, zumindest nicht gemessen an der tatsächlich verfügbaren Zeit: Verwaltung, Konferenzen, Elternarbeit, Digitalisierungprozesse und zahllose weitere Nebenschauplätze binden Kapazitäten, die dann für fachdidaktische Vertiefung fehlen.
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass das Lehrwerk als Rettungsanker fungiert. Wer die Frage vertiefen möchte, warum Veränderungen in schulischen Strukturen so schwerfallen, dem sei Benedikt Wisniewskis „Weniger macht Schule" (2025) empfohlen, das die Mechanismen hinter dieser institutionellen Beharrungskraft systematisch aufarbeitet.
Hier soll nun an den Upcycling-Artikel letzten Jahres angeknüpft werden, indem die dort beschriebene Perspektive auf eine übergeordnete Ebene gehoben wird: Dort ging es um die einzelne Lernaufgabe, hier geht es um die Planung der gesamten Einheit. Der entscheidende Perspektivwechsel bleibt derselbe: Statt beim Lehrwerk zu beginnen und Seite für Seite vorzugehen, beginnt man bei der Lernaufgabe und fragt, was die Lernenden am Ende können sollen und für wen sie es tun (vgl. Ellis 2003). Das Lehrwerk verliert dabei nicht seinen Platz, aber es verliert die Strukturhoheit.
Aus diesem Gedanken heraus ist ein Planungstool entstanden, das unter stuff.languageteachercrew.com/einheitsplanung frei zugänglich ist. Die Seite ist so aufgebaut, dass man sich vor oder zu Beginn einer neuen Einheit durch acht Planungsbereiche klicken kann, die jeweils als aufklappbare Abschnitte gestaltet sind. Jeder Bereich enthält zunächst eine knappe fachdidaktische Erläuterung und darunter Eingabefelder für die eigene Planung. Man beginnt bei der Lernaufgabe (Was sollen die Lernenden am Ende tun können, für wen, und in welcher Situation? Ist die Lehrwerks-Unit-Task brauchbar, oder muss sie angepasst werden?) und arbeitet sich von dort aus durch die Kompetenzschwerpunkte, die Verteilung der Unterrichtszeit auf die vier Stränge nach Nation, die systematische Planung von Wortschatzarbeit als lexikogrammatische Einheitenplanung, die funktionale Einbettung sprachlicher Mittel, den bewussten Umgang mit dem Lehrwerk als Steinbruch, die Leistungsüberprüfung und die spiralcurriculare Vernetzung.
Wer sich vorab einen Überblick verschaffen möchte, findet direkt auf der Seite einen KI-Schnellcheck: einen kopierbaren Prompt, mit dem sich Fotos der Lehrwerksseiten in eine KI laden und die Einheit systematisch auf ihr Steinbruch-Potenzial analysieren lassen. Das ersetzt nicht die eigene fachliche Einschätzung, gibt aber einen strukturierten Ausgangspunkt, auf dem man aufbauen kann.
Wenn alle Bereiche ausgefüllt sind, lässt sich die gesamte Planung über den Drucken-Button am Ende der Seite als übersichtliche Zusammenfassung ausdrucken oder als PDF speichern; die Erklärungstexte werden dabei automatisch ausgeblendet, sodass nur die eigenen Eintragungen auf dem Papier landen. Was man dann in der Hand hält, ist eine konkrete Planungsgrundlage für die Einheit, die sowohl die curricularen Vorgaben als auch die fachdidaktischen Anforderungen abbildet und gleichzeitig dokumentiert, welche Lehrwerksinhalte genutzt, angepasst oder ersetzt werden. Mit dieser Grundlage lässt sich anschließend weiterarbeiten, sei es in der Fachkonferenz, im Jahrgangsteam oder individuell, und durchaus auch mit KI-Unterstützung, wenn es an die Erstellung konkreter Materialien und Stundenplanungen geht. Die eigene fachliche Expertise bleibt dabei die entscheidende Instanz; das Tool strukturiert sie, es ersetzt sie nicht.
Und weil sich komplexe Probleme manchmal besser durch Kontrastierung als durch Erklärung vermitteln lassen: Um zu illustrieren, wie Einheitenplanung aussieht, wenn man den Spieß bewusst umdreht und das Lehrwerk konsequent zum alleinigen Taktgeber macht, ist parallel eine kleine Satireseite entstanden. Sie ist selbstverständlich rein ironisch gemeint und sollte bitte auch als solche verstanden werden. Aber wer Kolleginnen und Kollegen mit einem Augenzwinkern zum Nachdenken anregen möchte, findet dort vielleicht einen unkonventionellen Gesprächseinstieg.
Das Planungstool ist wie gesagt frei zugänglich unter: stuff.languageteachercrew.com/einheitsplanung.
Quellen und weiterführende Literatur
Ellis, Rod. Task-Based Language Learning and Teaching. Oxford UP, 2003.
Nation, I.S.P. “The Four Strands.” Innovation in Language Learning and Teaching, vol. 1, no. 1, 2007, pp. 2-13.
Wisniewski, Benedikt, Gottschling Barbara. Weniger macht Schule. Wie De-Implementierung schulische Freiräume schafft. Kohlhammer, 2025.
Niedersächsisches Kultusministerium. Kerncurriculum für das Gymnasium, Schuljahrgänge 5-10: Englisch. Hannover, 2015.
Niedersächsisches Kultusministerium. Kerncurriculum für das Gymnasium, Schuljahrgänge 6-10: Spanisch. Hannover, 2024.


